Leseprobe

Das Erwachen des Übels

In der Berliner Zentrale der Organisation wachte das Nachtleben auf.
Die Sonne war gerade untergegangen und während die Menschen schlafen gingen, wachten die Vampire auf.
Mein Name ist Fritz und ich bin ein Mensch. Ich bin fünfzig Jahre alt und lebe seit mehr als fünfundzwanzig Jahren hier, zusammen mit anderen Menschen und Vampiren.
Ich kenne kein anderes Leben mehr, seitdem ich zur Organisation kam. Eigentlich war es der Liebe wegen. Mein Geliebter, Klaus, war auch ein Vampir. Im Jahre 2008 wurde die Organisation in Berlin überfallen, und dabei wurden viele Vampire und einige Menschen getötet. Leider war mein Klaus auch dabei. Er hat sich für mich und für die anderen geopfert.
Klaus war der Leibkoch von Napoleon, bevor ein Biss ihn zum Vampir machte. Wir trafen in den 80ern in Berlin aufeinander, und es war Liebe auf den ersten Blick.
Wir arbeiteten als Koch und Konditor zusammen, um die Menschen hier innerhalb der Organisation zu verköstigen.
Eigentlich wollte ich mich von ihm schon 2008 verwandeln lassen, doch das Schicksal nahm ihn mir, bevor er es tun konnte. Danach habe ich dem Konditordasein abgeschworen und bin in die neue Verteidigungsstaffel gewechselt.
Ich stand heute gegen fünf Uhr nachmittags auf, ich hatte Nachtschicht. Wir erwarteten einen hohen Gast. Den Grafen von Saint Germain. Ein Vampir, natürlich. Er war ein Universalgelehrter, wie viele Vampire. Was ihn besonders machte, er war einer der ältesten lebenden Vampire und einer der Gründungsväter der Organisation. Heute lebt er sehr zurückgezogen in Nepal in einer Einsiedelei. Wenn er kam, musste etwas Großes dahinter stecken. Daher waren die gesamten Vampire im Hauptquartier anwesend.
Obwohl er unter anderem die Finanzen der Organisation regelt, haben die meisten ihn noch nie in Person gesehen.
Ich wurde auserwählt, sein Leibwächter zu sein, solange er in Berlin weilt. Also eilte ich zur Schleuse, an der ich ihn empfangen sollte.
Wie die meisten Vampire flog auch er und landete auf der Plattform. Hinter ihm schloss sich das Tor.
Wenn ich gedacht hatte, dass er ein großer, ehrfurchtgebietender Vampir sei, hatte ich mich getäuscht.
Ich bin mit 180 cm nicht supergroß, er maß aber wohl eher 170 cm. Er trug einen schwarzen Reiseumhang. Sein langes, graues Haar trug er stolz offen und er hatte einen sorgsam gepflegten Bart.
Seine Ausstrahlung passte nicht zu seiner Gestalt. Er hatte eine einnehmende Präsenz, wie man sie selten zu Gesicht bekommt. Er war da, und jeder bemerkte es augenblicklich.
Er blickte mich an. Wie die meisten Vampire hatte er graue Augen, die bis in die Tiefen deiner Seele blicken können.
„Du musst Fritz sein, der Leibwächter?“, fragte er mit einer angenehm voluminösen Stimme. In der ganzen Organisation sprach man per Du. Es hatte sich so festgesetzt. Natürlich begegnete man sich mit gegenseitigem Respekt, doch jeder war auf Augenhöhe.
„Ja, Herr Graf.“, antwortete ich.
Er lachte: „Du kannst mich Robert nennen. Ich hatte viele Namen, aber der gefiel mir am besten.“
„Ich sehe, du hast viel Traurigkeit in dir. Lass uns darüber reden, wenn die Zeit gekommen ist.“, fügte er noch an.
Kurt, der aktuelle Leiter des deutschen Hauptquartiers, traf ein, und ich sah, wie sich zwei Freunde aus alten Tagen trafen: Die beiden umarmten sich und freuten sich.
Ich war aufgeregt durch diese kurze Begegnung.
Ich begleitete die beiden alten Vampire in einen Konferenzraum.
Anders als bei anderen, menschlichen Besprechungsräumen, gab es weder eine Tafel noch einen Bildschirm.
In der Mitte des Raumes war eine Scheibe eingelassen, das war das Artefakt der Übertragung. Jedes Hauptquartier besaß eines.
Noch während wir eintraten, glühte die Scheibe auf und ein Hologramm von Hendrik, dem Leiter der gesamten Organisation erschien.
Er sah immer noch wie ein neunzehnjähriger Junge aus, war aber schon über 400 Jahre alt. Schlank, dunkle Haare mit eisgrauen Augen. Keiner der Vampire zweifelten seine Führungsqualitäten an. Dank ihm war die Organisation international vernetzt und schlagkräftig geworden.
Er und seine hübsche Frau hatten 2008 dafür gesorgt, dass die Kirche keinen Zugriff mehr auf die Schattenwesen hatten, eine vampirische Technologie, die künstliche Soldaten erzeugte. Jeder Vampir, der mit ihnen in Berührung kam, starb damals.
Seine Empathie und Entschlossenheit war nicht nur für die Vampire ein Vorbild, sondern für alle innerhalb der Organisation.
Hendrik verbeugte sich vor dem Grafen: „Willkommen, Graf von St. Germain.“
Der Angesprochene begrüßte den jüngeren Vampir: „Sei gegrüßt, Hendrik.“
„Dann erkläre uns doch mal, was los ist. Du klangst aufgeregt!“, bat der Jüngere.
Der Graf begann: „Erlaube mir, ein wenig auszuholen. Ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit vampirischen und atlantischen Artefakten. Unter anderem besitze ich das Artefakt der Vorhersehung. Dieses Artefakt erlaubt einen kleinen Blick in die Zukunft.“
Er wartete, bis sich die Aufregung gelegt hatte und fuhr fort: „Allerdings gibt es normalerweise ein Problem: Das Gewebe der Zukunft wird aus vielen Zeitlinien gewebt. Das Artefakt versucht, die wahrscheinlichsten Zeitlinien zu zeigen. Das klappt oft, aber manchmal auch nicht. Deshalb treffen viele Prophezeiungen auch nicht ein. Seit einer Woche zeigt mir das Artefakt nur noch eine einzige Zeitlinie an. Dies ist der Sage nach nur einmal geschehen: Als die Sonne auf Ul gestorben ist, dem Heimatplaneten der Vampire.“